Inklusion BI
01 December 2016
Sarah Pfeffer
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Als behinderter Mensch bei BI - Interview mit Trainer Bernhard Jegan

„Ich wurde ohne Arme geboren und bin somit ein Vorbild für viele Führungskräfte und Mitarbeitende, wenn es darum geht, sich ehrgeizige Ziele zu setzen und mit viel Durchhaltevermögen dran zu bleiben“. So begrüßt Bernhard Jegan die Besucher seiner Homepage. Seit 25 Jahren ist er als Berater, Trainer und Coach für Boehringer Ingelheim tätig. Seine Schwerpunkte sind Konfliktmanagement, Führungskräftecoaching sowie Teamentwicklung. Wie er den Umgang mit Menschen mit Behinderung erlebt, wie wichtig es ist, mit dem Thema Behinderung mutig und offen umzugehen und was Menschen ohne Behinderung von behinderten Menschen lernen können, erzählt er im Gespräch mit Sarah Pfeffer.

Herr Jegan, Sie wurden ohne Arme geboren, arbeiten aber sehr erfolgreich als Coach, auch bei Boehringer Ingelheim. Wie ist es, wenn die Gruppe Ihnen bei einem Training zum ersten Mal begegnet?

Die Menschen sind, wenn sie nicht vorab informiert wurden, zunächst irritiert. Da sitzt oder steht jemand, der hat keine Arme. Und dann erlebe ich eher Zurückhaltung und höfliches, taktvolles Verhalten. Die Mitarbeitenden sehen meine Behinderung, würden mich aber nicht aktiv darauf ansprechen. Erst wenn ich selbst dieses Thema enttabuisiere, dann ist der Bann gebrochen und man kann offen darüber reden. Wenn ich zum Beispiel zu Beginn eines Seminars oder Coachings nur sage: „So, haben Sie noch Fragen?“, dann kommt in der Regel keine Frage zur Behinderung. Wenn ich dann aber sage: „So, und jetzt noch zum Thema Behinderung, Sie sehen ja, dass ich keine Arme habe, wenn Sie da was interessiert, dürfen Sie mich gerne danach fragen“, dann kommt in der Regel die erste, höfliche, schüchterne Frage: „Ja, ich würde schon gerne wissen, sind Sie denn von Geburt an behindert oder hatten Sie einen Unfall?“. So, und dann sage ich: „Von Geburt an“ und dann meldet sich der nächste und sagt: „Da gab’s doch mal diese Medikamentenkatastrophe bei Grünenthal, Contergan, sind Sie auch ein Opfer davon?“, dann sage ich: „Nein, bin ich nicht“ und dann kommt das Gespräch ins Laufen. Und spätestens dann ist in der Regel das Eis gebrochen, dann sprudeln die Fragen und dann kommen auch oft Geschichten, wie: „Ich kenne da auch einen in meiner Nachbarschaft, der behindert ist“, oder: „In der Schule früher hatte ich auch einen Mitschüler ohne Arme“, und dann läuft es super gut. Aber der Einstieg ist immer geprägt von taktvoller, höflicher Zurückhaltung. 

 

Würden Sie sich das anders wünschen?

Es wäre hilfreich für alle, wenn die Leute noch ein Stück mutiger wären und sich einfach trauen würden, völlig offen, unverkrampft und unverstellt auf uns behinderte Menschen zuzugehen und Fragen zu stellen. Ich meine, es ist ja klar, dass, Menschen, wenn sie jemanden ohne Arme sehen, in der Regel ein Dutzend Fragen im Hinterkopf haben. Und mein Appell und mein Angebot lautet: „Raus damit!“. Wenn wir Behinderte etwas nicht sagen können oder wollen, weil es zu persönlich ist, dann sagen wir das schon so. Ich glaube, dass die meisten Behinderten das ähnlich sehen, zumindest die von Geburt an Geschädigten. Bei jemandem, der kürzlich oder durch eine Krankheit oder einen Unfall zum Behinderten wurde, mag es anders sein, das kann ich nicht so einschätzen.

 

Der Appell ist einfach: Wir Behinderte ticken genau wie alle anderen Menschen, es freut uns, wenn andere Interesse an uns zeigen – und zwar ernsthaftes Interesse, kein Sensations-Getue.

Das wäre meine ganz dringende Empfehlung an die Nicht-Behinderten. Einfach Interesse zeigen und Fragen stellen, das würde den Erstkontakt deutlich erleichtern.

 

Viele Menschen ohne Behinderung haben wahrscheinlich Angst, etwas Falsches zu sagen …

Das führt mich zu meinem zweiten Anliegen: Mir und anderen Behinderten schlägt oft eine große Welle an Bewunderung entgegen. Der Begriff „Bewunderung“ ist ja im deutschen Sprachgebrauch zunächst einmal sehr positiv besetzt. Nichtsdestotrotz haben wir Behinderte oftmals ein sehr gespaltenes Verhältnis dazu. Denn in dem Wort Bewunderung steckt ja auch das „Wunder“ mit drin. Und wir alle sehen uns nicht als Wunder. Auch das, was wir können und tun, ist kein Wunder. Sondern es ist das Ergebnis harter Arbeit, großer Selbstdisziplin, Lebensfreude, Energie, Power, nennen Sie es, wie Sie wollen. Da ist überhaupt nichts Wundersames dabei. Auch wenn mir natürlich klar ist, dass die Leute das nur gut meinen. Mir hat mal ein Behinderter gesagt, statt Bewunderung hätte er eigentlich viel lieber volle Akzeptanz, als ein normaler Mensch – als ein Mitmensch – wahrgenommen zu werden. Weil Bewunderung ja bedeutet, du bist ein Wunder, du bist was Besonderes, aber das wollen wir gar nicht – wir wollen dazugehören.

 

Gibt es einen speziellen Rat, wie man sich behinderten Kolleginnen oder Kollegen am Arbeitsplatz gegenüber zu verhalten hat?

Ja: Behinderte wollen in der Regel nicht in Watte gepackt werden. Wir ziehen unseren Selbstwert aus genau denselben Quellen wie Nicht-Behinderte. Und gerade behinderte Menschen am Arbeitsplatz haben ja auch einen Arbeitsvertrag, der Rechte und Pflichten regelt und wir wollen auch Leistung bringen. Wir wollen, im Rahmen unserer Möglichkeiten, auch unseren Teil zum Erfolg beitragen und dafür auch wertgeschätzt werden. Und wenn ich Mist baue, dann will ich das, wie jeder andere Kollege oder jede andere Kollegin auch, gesagt bekommen.

 

Gibt es etwas, das Sie an Boehringer Ingelheim als Arbeitgeber im Umgang mit behinderten Mitarbeitenden besonders schätzen?

Bei Boehringer Ingelheim werden behinderte Menschen integriert, und das möglichst normal und unaufgeregt. Das ist meiner Meinung nach genau das Richtige! Behinderte Menschen werden weder auf einen Thron gesetzt noch links liegen gelassen. Sie sind einfach Mitarbeitende wie die Menschen ohne Behinderung auch.

 

Boehringer Ingelheim hat ja als eines der ersten Unternehmen einen Aktionsplan für die Belange behinderter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erstellt. Mit diesem Aktionsplan konkretisiert Boehringer Ingelheim Ziele und Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention in den Bereichen, die im betrieblichen Umfeld beeinflussbar sind, wie Arbeitsplatzgestaltung, Barrierefreiheit und soziale Leistungen. Kennen Sie den Aktionsplan und wenn ja, wie beurteilen Sie ihn?

Natürlich kenne ich den Aktionsplan und finde ihn sehr gut, weil er sehr praxisorientiert ist. Ich war sehr positiv überrascht, wie konkret er ist und dass bereits Maßnahmen herauslesbar sind, nicht nur Absichtserklärungen. Das hat mir gut gefallen.

 

Spüren Sie, dass sich die Ziele, die mit dem Aktionsplan verfolgt werden, auch in der Kultur bei Boehringer Ingelheim niederschlagen?

Was ich spüre, ist, dass sich die Feedback-Kultur im Unternehmen verändert hat und nun deutlich tougher geworden ist, gerade im Zuge der Globalisierung. Aber zur persönlichen Entwicklung, auch von behinderten Menschen, gehört eben auch, mit Kritik, wenn sie konstruktiv ist, umzugehen und daran zu wachsen. Dabei spielt allerdings die individuelle Behandlung der Mitarbeitenden eine wichtige Rolle, auch und vor allem bei Behinderten. Ich denke gerade an Behinderte, deren Behinderung nicht sichtbar ist von außen. Da ist es umso notwendiger, im Dialog herauszufinden, was kann der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin, wo sind die Einschränkungen, wie intensiv kann ich ihn oder sie fordern und wo muss ich vielleicht Rücksicht nehmen. Und nicht schon mal prophylaktisch Rücksicht nehmen, sondern das erst mal verhandeln und besprechen. Das wäre ein Appell an die Führungskräfte, wenn sie behinderte Mitarbeitende im Team haben. Natürlich ist hier auch eine gewisse Portion Mut und Courage nötig, aber ich glaube, dass Boehringer Ingelheim da eine sehr gute Unternehmenskultur hat.

 

Glauben Sie, dass der Aktionsplan dazu beiträgt, dass Boehringer Ingelheim auch von Menschen mit Behinderungen als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen wird?

Definitiv. Allein, dass Boehringer Ingelheim Fachleute hat, die sich darum kümmern, dass es ein Inklusionsteam gibt, das ist ein ganz starkes Zeichen. Durch meine Beratertätigkeit habe ich schon viele Unternehmen kennengelernt aber ich kenne keines, wo so explizit Nägel mit Köpfen gemacht werden, wie bei Boehringer Ingelheim. Beispielsweise mit der Veranstaltung einer Inklusionswoche oder eines Diversity Tages, an dem über die Vielfalt der Belegschaft gesprochen wird und die Unterschiede wertgeschätzt werden. Da ist Boehringer Ingelheim wirklich ganz vorne mit dabei.

 

Was, glauben Sie, kann ein Mensch mit Behinderung besser, als ein Mensch ohne Behinderung?

Das ist eine anspruchsvolle Frage. Ich glaube, dass viele Behinderte deutlich besser einschätzen können, wo ihre Möglichkeiten und wo ihre Grenzen sind. Das sagt ja das Wort schon. Man ist eingeschränkt, be-hindert. Während vielleicht ein nicht-behinderter Mittzwanziger nach dem Motto „The sky is the limit“ lebt – ich kann alles werden, wenn ich nur will. Viele dieser Menschen landen oftmals ziemlich hart auf dem Boden der Tatsachen, wenn sie merken, dass auch sie Grenzen haben und dass keiner von uns alles kann. Und ich glaube, diese Enttäuschung, diesen Frust, diese Lebenskrise, haben behinderte Menschen nicht in dem Maße. Weil sie schon viel früher an ihre Grenzen gestoßen sind und auch schon viel, viel länger mit Grenzen leben. Und als Konsequenz daraus sind sie emotional stabiler. Also, sie sind nicht so euphorisch und umgekehrt, in der Regel zumindest, nicht so schnell frustriert, wie andere.

 

Glauben Sie denn, dass nicht behinderte Menschen etwas von behinderten Menschen lernen können?

Wenn der Wille da ist: ja. Das würde ich schon sagen. Im Prinzip geht es doch um: das Beste draus machen; akzeptieren, dass man Grenzen hat und dennoch zufrieden lebt, auch, wenn man ganz klar weiß, dass man eben nicht die Sterne vom Himmel holen kann … Das gilt eigentlich für alle Menschen, egal ob behindert oder nicht - aber die meisten wollen das nicht wahr haben. Das ist der Unterschied.

Dazu vielleicht noch ein letztes Beispiel. Mir hat vor ein paar Wochen eine Mitarbeiterin gesagt: „Stellen Sie sich vor, mein Chef hat sich vor vier Wochen das Handgelenk verstaucht und seitdem ist er so missmutig und unleidlich und so frustriert, weil er jetzt die Hand in der Bandage hat. Der sollte Sie mal sehen, der gar keine Handgelenke hat, wie fröhlich und zufrieden Sie durchs Leben gehen. Dann würde er vielleicht aufhören, wegen seinem blöden Handgelenk rum zu jammern, zumal das ja sowieso in vier Wochen wieder verheilt sein wird“. Das fand ich ganz schön. Und das können Nichtbehinderte vielleicht von uns lernen: Auch mal Fünfe gerade sein zu lassen.

"Mit Bewunderung bitte eher sparsam umgehen und lieber mehr Akzeptanz als normale Mitarbeitende und Kolleginnen oder Kollegen, sagt Bernhard Jegan. "
Sarah Pfeffer
Bernhard Jegan

2 Kommentar(e) für 'Als behinderter Mensch bei BI - Interview mit Trainer Bernhard Jegan'

Kommentare

Ich beschäftige mich schon länger mit der Inklusion bei BI. Einige Schwerbehinderte Mitarbeiter würden die Interview Fragen nicht so positiv beantworten. Bei der Inklusion handelt es sich nicht bloß um gesetzlich verankerte Maxime, sondern vielmehr um eine moralische Verpflichtung. Die Unternehmensführung gibt ein Leitbild vor, das auf Respekt, Vertrauen, Empathie, Leidenschaft aufbaut. Dieses Ideal sollte von jedem Mitarbeiter ganz gleich ob in führende oder ausführende Position verinnerlicht, gelebt und beschützt werden. Es wäre wünschenswert Problemen Gehör zu schenken, sodass die auf Unterstützung angewiesene Menschen sich ernst genommen fühlen und ihnen echte akzeptable Lösungen für ihre Probleme geboten werden. Bestimme wäre auch möglich gemeinsam im Dialog an einer für beide Seiten vorteilhaften Lösung zu arbeiten.

Vielen Dank für Ihren Beitrag. Sie sprechen einen wichtigen Punkt an: es geht nicht nur um Gesetze, die umgesetzt werden sollen. Es geht um wertschätzendes Miteinander. Bei der Lösung von Problemen stehen auf der einen Seite die persönlichen Bedarfe. Andererseits sind die betrieblichen Belange und Rahmenbedingungen am Arbeitsplatz wichtige Parameter bei der Erarbeitung von Lösungen, die für beide Seiten akzeptabel sind. Lassen Sie uns gerne im persönlichen Gespräch den Punkt vertiefen.

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